
Eine Pilotin verschwand 1944 — Jahrzehnte später wurde ihr Flugzeug in einem Wald gefunden
Im November 1944 startete Evelyn Whitmore von einem Militärflugplatz in Delaware zu einem Flug, den ihre Familie für eine gewöhnliche Überführungsmission hielt. Sie steuerte eine P-47 Thunderbolt in Richtung Westküste. Dort kam sie jedoch nie an. Drei Wochen später erhielt die Familie ein Telegramm der US Army Air Forces mit der Mitteilung, dass das Flugzeug während eines kriegsbedingten Transits als verloren gelte.
Es wurde kein Wrack gefunden, und eine klare Erklärung gab es nie. Ihr damals dreijähriger Sohn Robert wuchs mit dieser unbeantworteten Lücke auf. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er damit, Militärakten zu durchsuchen, Briefe an Behörden zu schreiben und immer wieder dieselbe Frage zu stellen: Was war mit seiner Mutter geschehen? Er starb 1998, ohne jemals eine vollständige Antwort zu bekommen.
Dann, im Jahr 2014, entdeckten Forstarbeiter nach einem schweren Wintersturm im Ardennenwald in Belgien eine P-47 Thunderbolt, die unter jahrzehntelangem Bewuchs und Waldboden verborgen lag. Die Seriennummer stimmte mit einem Flugzeug überein, das seit dem Krieg als vermisst galt. In der Nähe des Wracks fanden Ermittler außerdem ein flaches Grab, das mit Steinen in Form eines Kreuzes markiert war. In den Resten einer Fliegerjacke entdeckten sie Hinweise darauf, dass der offizielle Bericht aus der Kriegszeit möglicherweise nicht die ganze Geschichte erzählt hatte.
Viele Jahre später arbeitete Daniel Whitmore, Evelyns Enkel, beim Office of Special Investigations der US Air Force, als er einen Anruf von der Defense POW/MIA Accounting Agency erhielt. Ihm wurde mitgeteilt, dass eine Bergungsaktion in Belgien möglicherweise direkt mit seiner Familie in Verbindung stand. Zunächst dachte Daniel an seinen Vater Robert, doch dann fiel ein anderer Name: Evelyn Whitmore — jene Großmutter, die er kaum kannte, außer durch einige wenige Familienerinnerungen, ein altes Foto und jahrzehntelanges Schweigen.
Daniel wusste nur sehr wenig über sie. Sein Vater sprach selten über seine Mutter und sagte nur, sie sei Pilotin gewesen und im Krieg gestorben. In einer alten Kiste, die jahrelang unbeachtet geblieben war, hatte Daniel einmal ein Foto gesehen: eine junge Frau im Fliegeranzug, neben einem Flugzeug stehend, lächelnd im Sonnenlicht. Viel mehr war der Familie nicht geblieben.
Als Daniel erfuhr, dass die in Belgien gefundenen Überreste wahrscheinlich Evelyn gehörten, entschloss er sich sofort zur Reise dorthin. Noch am selben Abend begann er, die Kisten mit Unterlagen zu öffnen, die sein Vater hinterlassen hatte. Viele davon waren jahrelang unberührt geblieben. Darin fand er Roberts lange und beharrliche Suche: Briefe an das Kriegsministerium, Anträge auf Akteneinsicht, Korrespondenz mit dem Nationalarchiv und Veteranenorganisationen — alles drehte sich um dieselbe Frage: Was geschah mit Evelyn Whitmore?
Die Antworten, die Robert im Laufe der Jahre erhalten hatte, ähnelten sich stark. Behörden erklärten, es gebe keine weiteren Informationen, der Fall sei bereits 1944 bearbeitet worden, und es bestehe kein Anlass für weitere Untersuchungen. Doch Robert hörte nie auf zu suchen. In einer kleineren Kiste fand Daniel einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1943, in dem berichtet wurde, dass Evelyn dem Ausbildungsprogramm für Pilotinnen in Avenger Field, Texas, beigetreten war. Der Artikel beschrieb sie als erfahrene zivile Pilotin, die ihrem Land in Kriegszeiten dienen wollte. Auf dem alten Foto erkannte Daniel nun, dass das Flugzeug hinter ihr kein einfacher Trainer, sondern eine P-47 Thunderbolt war.
Ende März reiste Daniel in die Ardennen. Die Landschaft trug noch immer die Spuren der Geschichte: dichte Wälder, schmale Straßen und Boden, der einst Schauplatz großer Kriegshandlungen gewesen war. Am Fundort stellten forensische Teams fest, dass das Flugzeug offenbar in einem relativ flachen Winkel zu Boden gekommen war, was darauf hindeutete, dass die Pilotin möglicherweise eine Notlandung versucht hatte. Der Cockpitbereich zeigte keine vollständige Zerstörung. Das ließ die Möglichkeit offen, dass sie die Landung überlebt hatte.
Noch bemerkenswerter war, dass die Überreste nicht im Cockpit gefunden wurden. Sie lagen etwa 30 Meter entfernt unter einem kleinen Grab, das offensichtlich mit Sorgfalt angelegt worden war. Kleidungsreste und Erkennungsmarken deuteten darauf hin, dass dort Evelyn M. Whitmore beigesetzt worden war. Die Ermittler fanden außerdem einen sorgfältig eingewickelten und erhaltenen Brief in den Resten einer Fliegerjacke, vermutlich an ihren Sohn Robert gerichtet. Obwohl der Brief wegen der Beweissicherung zunächst nicht geöffnet wurde, machte allein sein Fund den Fall für Daniel zutiefst persönlich: Sein Vater hatte ein Leben lang nach Antworten gesucht, während eine Nachricht seiner Mutter möglicherweise jahrzehntelang still in diesem Wald gelegen hatte.
Am Flugzeug selbst dokumentierten Spezialisten zudem zahlreiche Einschläge oder Durchdringungen am Rumpf, besonders in wichtigen Bereichen. Nach einer ersten Einschätzung handelte es sich dabei nicht um typische Absturzschäden, sondern möglicherweise um Treffer durch Bodenfeuer. Sollte sich das bestätigen, wäre Evelyn womöglich nicht auf einer gewöhnlichen Überführungsmission gewesen, wie es ihrer Familie einst mitgeteilt worden war.
Zurück in den USA sichtete Daniel Militärakten im National Personnel Records Center und im Nationalarchiv. Evelyns offizielle Akte war überraschend kurz: ihre Bewerbung für das Pilotinnenprogramm, Ausbildungsunterlagen, einige Überführungsflüge aus dem Jahr 1944 und schließlich ein kurzer Verlustbericht, in dem stand, sie sei während eines Transits verschollen und vermutlich über Wasser abgestürzt. Mehrere Details in diesem Bericht passten jedoch nicht zur beschriebenen Route, sodass Daniel zu der Überzeugung kam, dass wichtige Teile der Geschichte fehlten.
Bei weiteren Recherchen fand er Hinweise darauf, dass Ende 1944 eine kleine Gruppe von Pilotinnen möglicherweise für einen besonderen Auftrag ausgewählt worden war, doch die dazu erhaltenen Unterlagen waren lückenhaft. Auch andere Namen in dieser Gruppe wiesen ungewöhnlich knappe oder unklare offizielle Erklärungen auf. Dadurch begann Daniel zu vermuten, dass Evelyns Geschichte zu einem weniger bekannten Kapitel der Kriegsgeschichte gehörte, in dem bestimmte Einsätze über viele Jahre verborgen blieben.
Daniel nahm auch Kontakt zu Historikern auf, die sich mit Pilotinnen des Zweiten Weltkriegs beschäftigen. Einige erklärten, dass es seit Langem schwer erklärbare Lücken in den Unterlagen einiger Fliegerinnen gebe, auch wenn bisher nicht genügend Beweise für eindeutige Schlussfolgerungen vorlagen. Seine Untersuchung war damit nicht mehr nur eine familiäre Suche. Sie wurde auch zu einem Versuch, einen Teil der Geschichte wieder zusammenzusetzen, der durch Krieg, Zeit und Bürokratie verdeckt worden war.
Als Daniel ein zweites Mal nach Belgien zurückkehrte, wollte er nicht nur Evelyns Identität bestätigen, sondern auch erfahren, wer sie mit so viel Sorgfalt in diesem Wald bestattet hatte. Mit Hilfe der örtlichen Behörden traf er einen älteren Mann, dessen Vater in der Nähe der Absturzstelle Teil des Widerstands gewesen war. In den überlieferten Familienerzählungen gab es noch Bruchstücke über eine amerikanische Pilotin, die im Wald heruntergekommen war und in den letzten Kriegsmonaten von Einheimischen oder Widerstandskämpfern gefunden worden sein soll.
Auch wenn viele Details noch weiter überprüft werden müssen, hat der Fund in den Ardennen eine Geschichte wieder geöffnet, die seit 1944 als abgeschlossen galt. Für die Familie Whitmore ging es dabei nicht nur um ein Flugzeug oder eine vermisste Akte. Es ging darum, einer Frau, die ihrem Land in einer der schwierigsten Zeiten seiner Geschichte gedient hatte, ihren Namen, ihre Erinnerung und ihren Platz in der Geschichte zurückzugeben.